Die Frage nach dem „Warum“

Es ist die eine Frage, die einem wohl immer wieder über den Weg läuft, wenn man sich im Bereich BDSM bewegt: “Warum tust du das, was gibt es dir?” Mir wurde diese Frage schon oft gestellt und gerade am Anfang findet man darauf nur sehr unbefriedigende Antworten, noch dazu fühlte sich diese Frage für mich auch immer wie ein kleiner Angriff an. Warum möchtest du das wissen? Was geht es dich an? Du möchtest mir doch nur deine Meinung auf’s Auge drücken. Ehrliches Interesse, gerade von anderen Doms, erschien mir zu dem Zeitpunkt einfach unwahrscheinlich. Dass jemand versucht, an mir sein Ego etwas aufzupolieren, war für mich einfach logischer, als dass es jemanden wirklich interessiert, warum ich tue, was ich tue.

Eigene Unsicherheit und Erwartungen lassen die komischsten Gedanken in einem wachsen, nicht das es nicht genug Leute in der Szene gibt, die dir versuchen ihre Meinung als die einzig wahre zu verkaufen, aber das ist ein anderes Thema.

Dass die Frage nach dem “Warum” sehr wichtig ist, zeigt sich meiner Meinung nach schon, wenn man sich mit der Thematik das erste Mal richtig beschäftigt, denn – welche Überraschung – es geht um Vertrauen.

Wenn wir spielen, vertraut uns unser Partner nicht nur seinen Körper an, sondern auch seine Seele. Wenn meine Sub nicht weiß, warum ich mit ihr “spiele”, wie soll sie mir dann vertrauen und mich nicht nur für einen Typen halten, der einfach gerne zuschlägt? Ich setze an dieser Stelle einfach mal voraus, dass jeder weiß, dass ein Dom nicht nur drauf hält, bis die Sub zitternd am Boden liegt und das Safeword stammelt. Natürlich gibt es da draußen auch viele, die einfach nur den Schmerz brauchen, und jeder spielt wie er mag, aber ihr sucht dann keinen Dom meine Lieben, ihr sucht einen Sadisten. Euer Glück, dass da draußen viele rumlaufen, die sich für einen Dom halten, es aber faktisch nicht sind. Dom kommt von Dominanz und nicht von Folterknecht. Schmerz ist oft ein Teil des “Spiels”, aber es ist eben nur ein Teil und bevor ich als Dom Hand anlege, bin ich vorher schon in deinem Kopf.

Wir müssen einander vertrauen können. Dass du dich mir völlig überlässt, heißt nicht, dass du keine Verantwortung mehr trägst, ich muss mich darauf verlassen können, dass du mir signalisieren kannst, wenn etwas nicht stimmt. Das Lesen von Mimik und Körpersprache ist einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Punkt im Spiel, darüber müssen wir nicht reden, aber gerade am Anfang braucht das viel Zeit, wenn man sich noch nicht kennt, kann es da zu Problemen kommen. Ihr macht es euch deutlich einfacher, wenn ihr ehrlich zueinander und vor allem auch zu euch selbst seid. Die Frage nach dem “Warum” führt einen tief in seine eigene Psyche und fördert vielleicht Dinge zu Tage, die man bis dahin verdrängt hat, das ist sicher nicht angenehm, aber solche Sachen müssen abgeklärt werden und wenn das am Anfang einfach nur heißt, dass du bestimmte Dinge im Spiel nicht haben willst, weil du jetzt weißt, dass sie dich triggern. Dass sowas eher weniger dem Menschen passiert, der gerade die Peitsche schwingt, ist klar, aber auch eine Sub lässt sich sicher eher fallen, wenn er/sie/es weiß, warum dir das gerade soviel Spaß macht und dass du dich im Griff hast, da kann so ein klärendes Gespräch im Vorfeld Wunder bewirken und beide Seiten haben ihren Spaß.

Abschließend möchte ich noch sagen: Es versteht sich von selbst, dass die Antwort auf die Frage nach dem “Warum” eine sehr persönliche ist, die man auch nicht jedem auf die Nase binden muss. Im Zweifel geht es nur dich was an, warum du ausholst, oder hinhältst. Die andere Seite spielt dann eben mit dir, oder lässt es.

Herr Shibari

Autor: Herr Shibari

Ist Herr dieser Seite. Schreibt Kurzgeschichen und Blogbeiträge.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.